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Für viele von uns gehört es zum festen Ritual: Man sitzt nachts im Shack, schaltet den Transceiver oder SDR ein, dreht über die Bänder und landet unweigerlich auf einer der charakteristischen Frequenzen knapp außerhalb der Amateurbänder. Das vertraute, rhythmische Ticken, gefolgt von einer markanten Stimme, die abwechselnd auf Englisch und Französisch die Uhrzeit verkündet. Für Kurzwellenhörer (SWLs) und Funkamateure in ganz Europa und Nordamerika war diese Station ein verlässlicher Leuchtturm im Äther. Doch damit ist bald Schluss.

Am 22. Juni 2026 wird das National Research Council Canada (NRC) den Kurzwellen-Sendebetrieb seiner offiziellen Zeitzeichenstation CHU dauerhaft einstellen. Ab diesem Tag bleiben die vertrauten Frequenzen 3330 kHz, 7850 kHz und 14670 kHz leer. Das NRC verweist für die Zukunft nüchtern auf moderne Alternativen: das Network Time Protocol (NTP) für Computer, Web-Uhren und den klassischen Telefondienst.

Für die DX-Community im Alter zwischen 25 und 49 Jahren – eine Generation, die zwar mit dem Internet aufgewachsen ist, aber die Faszination für analoge HF-Technik und die Physik der Ionosphäre teilt – geht damit ein Stück lebendige Radiogeschichte verloren. CHU war nicht nur ein Zeitanzeiger; der Sender diente uns als unschätzbare Bake, um die Bedingungen auf den Bändern 80 m, 40 m und 20 m in Echtzeit zu beurteilen.

Die Geburtsstunden: Von Pendeln und Morsezeichen

Die Geschichte von CHU reicht erstaunlich weit zurück – in eine Epoche, als das Radio selbst noch in den Kinderschuhen steckte. Alles begann im Jahr 1923 unter der Ägide des Dominion Observatory in Ottawa. Die allerersten experimentellen Aussendungen liefen unter dem Rufzeichen 9CC auf der Langwelle (275 Meter).

Mit dem rasanten Fortschritt der Funktechnik erkannte man schnell das enorme Potenzial der Kurzwelle, um die riesigen, oft unzugänglichen Weiten Kanadas flächendeckend mit der exakten Uhrzeit zu versorgen – eine Notwendigkeit für die Schifffahrt, die Eisenbahn und die Vermessung des Landes.

1929: Regelmäßige Tagesaussendungen starteten unter dem Rufzeichen VE9OB auf einer Wellenlänge von etwa 40,8 Metern.
1933: Die Frequenzstabilität machte dank der Einführung von Quarzkristall-Steuerungen einen Quantensprung. Zuvor wanderten die Frequenzen der Röhrensender mangels präziser Bauteile oft spürbar aus.
1938: Das heute weltbekannte Rufzeichen CHU erblickte offiziell das Licht der Welt. Der Sender strahlte damals auf 3330 kHz, 7335 kHz und 14670 kHz aus – allerdings mit einer für heutige Verhältnisse winzigen Sendeleistung von gerade einmal 10 Watt. Während der 1000-Hz-Ton bereits von Quarzoszillatoren erzeugt wurde, basierten die Sekundenimpulse kurioserweise immer noch auf den mechanischen Pendeluhren des Observatoriums.

Atomzeitalter und technische Finessen

Im Jahr 1967 hielt die Moderne endgültig Einzug: CHU stellte auf Cäsium-Atomuhren um, was die Genauigkeit in astronomische Höhen schraubte. Drei Jahre später, 1970, wechselte die Verantwortung von den Astronomen des Observatoriums zu den Physikern des National Research Council (NRC).

Für Funkamateure war CHU technisch immer ein faszinierendes Studienobjekt. Im Gegensatz zu vielen anderen Zeitzeichensendern nutzte CHU ein ganz besonderes Sendeformat: H3E (Zweiseitenband-Amplitudenmodulation mit unterdrücktem Unterseitenband, wobei der Träger voll erhalten blieb). Dies erlaubte es DXern, das Signal sowohl mit einfachsten AM-Radios als auch im exakten SSB-Modus (USB) zu empfangen. So mancher von uns hat beim Testen eines neuen Transceivers als Erstes CHU eingestellt, um die SSB-Filter zu überprüfen.

Auch das akustische Design war durchdacht. In den letzten 10 Sekunden jeder Minute erfolgen eine zweisprachige Stationskennung und eine Zeitansage; dabei werden die 1000‑Hz‑Sekundenimpulse zu kurzen „Ticks“ verkürzt.

Ein Highlight für technikbegeisterte Hörer war der charakteristische „Warble-Ton“ (ein ratterndes Modemsignal) zwischen der 31. und 39. Sekunde jeder Minute. Dieser Code entsprach dem alten Bell-103-Standard mit 300 bps. Er ermöglichte es Computern bis weit in die 1990er-Ebene hinein, über ein einfaches Telefonmodem am Funkempfänger die Systemzeit vollautomatisch und hochpräzise zu synchronisieren.

Die Stimmen im Äther und der Frequenzwechsel

Bis zum 1. April 1990 verkündete CHU die Zeit in der lokalen Eastern Standard Time (EST). Erst danach schloss man sich dem internationalen Standard an und stellte vollständig auf die koordinierte Weltzeit (UTC) um.

Gleichzeitig wurden die Durchsagen digitalisiert. Seit 1990 hören wir dieselben zwei Sprecher im wechselnden 1-Minuten-Takt: Die englische Ansage („NRC Coordinated Universal Time...“) stammt von Harry Mannis, einem ehemaligen bekannten CBC-Sprecher. Die französische Stimme („Heure normale du Conseil national de recherches...“) gehört Simon Durivage von Radio Canada. Diese Stimmen haben sich tief in das akustische Gedächtnis von Generationen von Kurzwellenhörern eingebrannt.

Manch einer unter uns wird sich vermutlich noch an die letzte große technische Umstellung zur Jahreswende 2008/2009 erinnern. Über Jahrzehnte hinweg sendete CHU auf 7335 kHz. Da die Internationale Fernmeldeunion (ITU) das 40-Meter-Rundfunkband jedoch neu ordnete, wurde die Frequenz zunehmend von extrem starken, internationalen Broadcastern überlagert. CHU war kaum noch aufzunehmen. Pünktlich zum Neujahrstag 2009 zog der Sender deshalb auf die heutige Frequenz 7850 kHz um, wo er zuletzt mit 5 kW Leistung betrieben wurde (während die beiden anderen Frequenzen mit 3 kW arbeiteten).

Ein unersetzbarer Verlust für die Radio-Community

Warum schmerzt das Ende von CHU uns so sehr, obwohl wir die Uhrzeit auf jedem Smartphone ablesen können? Für die Amateurfunk- und SWL-Community ist ein Zeitzeichensender weitaus mehr als eine Uhr. CHU fungierte als globales Werkzeug. Wenn man wissen wollte, ob die „Greylinie“ (die Tag-Nacht-Grenze) Richtung Nordamerika offen war, drehte man auf 7850 oder 14670 kHz. Kam das Signal aus dem Südwesten Ottawas (genauer gesagt aus dem Senderstandort nahe der Station in Southwest-Ottawa bei 45° 17' 47" N, 75° 45' 22" W) mit S9 im Shack an, wusste man: Das Band ist offen, die Bedingungen sind exzellent.

Zudem stirbt mit der Abschaltung ein Stück analoger Romantik. Das bewusste Heraushören eines Signals aus dem atmosphärischen Rauschen (QRM/QRN) und das synchrone Ticken im Hintergrund einer nächtlichen Bastelsession lässt sich nicht durch ein steriles NTP-Signal aus dem LAN-Kabel ersetzen.

Die letzte Jagd nach der QSL-Karte

Wer noch keinen Empfangsbericht nach Ottawa geschickt hat, sollte die verbleibende Zeit bis zum Juni nutzen. Das NRC hat bestätigt, dass korrekte Berichte nach wie vor mit der traditionellen CHU-QSL-Karte beantwortet werden. Die Karte zeigt historisch passend Sir Sandford Fleming, den kanadischen Eisenbahningenieur und „Vater der weltweiten Zeitzonen“.

Empfangsberichte können per E-Mail an `Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!` oder ganz klassisch per Post gesendet werden:

Radio Station CHU
1200 Montreal Road, Building M-36
Ottawa, Ontario, K1A 0R6
Canada

Wenn am 22. Juni 2026 die Sender endgültig abgeschaltet werden, verliert die Kurzwelle einen ihrer verlässlichsten Akteure. Uns bleibt nichts anderes übrig, als ein letztes Mal die Stoppuhr zu drücken, den Empfänger einzustellen und den Stimmen von Harry Mannis und Simon Durivage zuzuhören, bevor sie für immer im Rauschen des Äthers verschwinden. 73 an CHU – danke für ein Jahrhundert Präzision.

(Quelle: DARC / Mit KI-Unterstützung überarbeitet)

 

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