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Lindenberg / Offenbach – Der 1. August 1919 gehört zu den Tagen, an denen in der Meteorologie Geschichte geschrieben wurde: Wissenschaftlern und Technikern des Preußischen Aeronautischen Observatoriums in Lindenberg (heute Landkreis Oder-Spree) gelang es an diesem Tag, mit einem Gespann von acht Schirmdrachen bis in eine Höhe von 9.750 Metern vorzudringen und Lufttemperatur, Luftfeuchte und Luftdruck zu messen.

Ein Weltrekord, der bis heute Bestand hat. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erinnert in seinem Meteorologischen Observatorium Lindenberg / Richard-Aßmann-Observatorium (MOL-RAO) am selben Standort in der kommenden Woche an diese einmalige Leistung. Neben einem wissenschaftlichen Kolloquium zur Sondierung der Atmosphäre am 1. August öffnet am Samstag, dem 3. August, das MOL-RAO seine Pforten für die Öffentlichkeit. Die Gäste erhalten zwischen 10 und 16 Uhr Informationen zu Geschichte und Aufgaben des Observatoriums und können sowohl heutige Messsysteme als auch Nachbauten historischer sowie moderne Drachen und das historische Windenhaus besichtigen. Parallel findet im benachbarten Wettermuseum ein Drachenfest mit Bühnenprogramm, Ballonflugwettbewerb und Drachenbasteln für Kinder statt. Die Ausstellung des Museums kann für einen reduzierten Eintrittspreis besichtigt werden. Imbiss und Getränke werden am Observatorium und im Wettermuseum angeboten.

Mithilfe von Drachen und Fesselballone höhere Luftschichten erkunden

Deutscher Wetterdienst erinnert an Drachenhöhen Weltrekord 1
Nachbau eines Lindenberger Schirmdrachens im Wettermuseum Lindenberg © Wettermuseum
Deutscher Wetterdienst erinnert an Drachenhöhen Weltrekord 2
Vorbereitung eines Schirmdrachens zum Start © DWD / MOL-RAO
Deutscher Wetterdienst erinnert an Drachenhöhen Weltrekord 3
Drachen über dem Windenhaus in Lindenberg © DWD / MOL-RAO

Heute erreichen Radiosonden Höhen von bis zu 35 Kilometer und übermitteln in Echtzeit meteorologische Informationen für die Wettervorhersage und die Klimaforschung. Zudem senden zahlreiche meteorologische Satelliten in Zeitabständen von teils weniger als zehn Minuten Daten über die Atmosphäre zur Erde, aus denen meteorologische Werte ermittelt werden können. Vor mehr als 100 Jahren war es nur mithilfe von Drachen und Fesselballonen möglich, höhere Luftschichten zu erkunden. Die Anfänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren im Vergleich zu heute bescheiden: Höhen zwischen 2.700 und 4.000 Meter wurden damals erreicht. Insbesondere an dem von Richard Aßmann 1905 gegründeten Aeronautischen Observatorium Lindenberg widmeten sich die Wissenschaftler der Vertikalsondierung der Atmosphäre.

Dazu nutzten die Wissenschaftler so genannte Meteorographen. Die Signale der Messfühler für Druck, Temperatur und Luftfeuchte wurden auf eine über ein Uhrwerk bewegte Schreibtrommel übertragen. Der Meteorograph war entweder in einem Körbchen unterhalb eines Ballons oder in der Zelle eines Kastendrachens angebracht. Ballon bzw. Drachen befanden sich an einem Stahlseil, das an einer Seilwinde im so genannten Windenhaus befestigt war. Über diese Seilwinde wurden Auf- und Abstieg der Ballone und Drachen reguliert. Sobald die Instrumente wieder auf die Erde waren, werteten die Wissenschaftler die Daten des Meteorographen aus. In Lindenberg wurden zwischen 1905 und 1931 mehr als 21.000 solcher Aufstiege, das sind im Mittel etwa zwei pro Tag, durchgeführt, über zwei Drittel davon mit Drachen, der Rest mit Fesselballonen. Insbesondere die Technologie der Drachenaufstiege ist im Verlauf mehrerer Jahrzehnte am Lindenberger Observatorium wesentlich weiterentwickelt und perfektioniert worden.

So wurde der Weltrekord-Aufstieg am 1. August 1919 mit einem Gespann von acht Schirmdrachen bewerkstelligt. Von den acht Drachen trug der oberste den Meteorographen, die anderen sieben waren erforderlich, um die Last von etwa 15 Kilometer Stahlseil zu tragen. Bei der Auswertung der Registrierung stellten die Wissenschaftler fest, dass die Barometerfeder bei einer erreichten Höhe von 9.190 Metern an den Rand der Barometerdose gestoßen war und damit den weiteren Aufstieg nicht mehr zu registrieren vermochte. Die erreichte Gipfelhöhe des Aufstieges wurde dann aus der Temperaturaufzeichnung abgeleitet.

Täglich vier Wetterballonaufstiege bis in 35 Kilometer Höhe
Heute werden am MOL-RAO täglich vier Radiosonden-Aufstiege mit Wetterballons durchgeführt, die Daten über Luftdruck, Lufttemperatur, Luftfeuchte und Wind bis in Höhen von bis zu 35 Kilometern liefern. Darüber hinaus werden Messungen dieser Variablen sowie zusätzlich von Wolken- und Strahlungsgrößen mit so genannten bodengebundenen Fernsondierungsverfahren durchgeführt. Diese Verfahren nutzen die Ausbreitung von Radio-, Licht- und Schallwellen, um die Atmosphäre zu erkunden. Kontinuierlich stehen Informationen mit einer zeitlichen Auflösung zwischen wenigen Minuten und etwa einer Stunde zur Verfügung. Damit ist die detaillierte Untersuchung von Prozessen in der Atmosphäre möglich. Die in Lindenberg gewonnenen Messdaten werden sowohl für die aktuelle Wettervorhersage, als auch für die Verbesserung von Wettervorhersage- und Klimamodellen, für die Überprüfung von Satellitenmessungen und für die Klimaüberwachung genutzt.

 

 Pressemitteilung Deutscher Wetterdienst

 

 

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